Die erste russische Antiqua
In Europa sind Antiqua-Schriften seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Die russische Antiqua ist nur dreihundert Jahre alt. Viele Kuriositäten sind für ihre Entstehungsgeschichte bezeichnend.
Hier sehen Sie das Titelblatt eines Lehrbuches Geometrie. Es handelt sich dabei um das erste Buch überhaupt, das in einer Kyrillisch-Antiqua gesetzt ist. Das Lehrwerk ist 1708 in Moskau erschienen. Die Schrift, die für den Satz verwendet wurde, trägt den Namen Bürgerliche. Beim genauen Hinsehen stellt man schnell fest, dass diese Antiqua keine Kopie einer Renaissance-Antiqua aus Europa ist – zu sonderbar sehen einzelne Buchstaben aus.
Eine kleine Schriftanalyse
Böse gemeint, könnte man von dilettantischen Buchstabenformen sprechen. Wie würde man sonst diese kuriosen Buchstabenformen erklären, die eigentlich den Lateinischen ähnlich oder sogar mit ihnen identlich sein sollten? Schauen Sie nur zum Beispiel den Buchstaben P) an.
Die Serifen haben eine ungewöhnliche Zwischenform: schmale verlängerte Endstriche (fast viereckig), mit unvermittelten Übergang vom Schaft zur Serife. Fast klassizistisch. Bei einigen Buchstaben fehlen Serifen unerklärterweise teilweise oder sogar völlig. Erklärung dafür könnte sein, dass die Buchstabenformen ihren Ursprung nicht in der lateinischen Antiqua, sondern in den kyrillischen Minuskeln haben.
Das große [a] weist eine merkwürdige Konstruktion auf: Dem rechten Schenkel (Standbein) fehlt der innere Serife. Man könnte einen flüchtigen Fehler vermuten. Das kleine [a] hat einen kleinen, tief (aber rundlich!) angesetzten Bauch. Der Anstrich beginnt fast in einer verspielten Drehung nach innen. Der Abstrich fällt noch verspielter aus.
Die Achse der Rundung von [e] ist nach links geneigt. Der Querstrich ist gerade – wie bei der Gattung der französischen Renaissance-Antiqua. [ka] hat einen geschwungenen Schenkel wie man ihn nur bei manchem R findet. Er ist aber unproportioniert tief angesetzt. [el] streckt seine Schenkel zu weit auseinander. Sein mit Tropfen verziertes Spielbein scheint gleich zu brechen. Der Makel der fehlenden inneren Serife rechts, wie beim großen A, setzt sich bei [el] fort.
Das [em] – gezwängt in ein Viereck – erinnert mit seinen kurzen Mittelschenkeln an einen Erwachsenen in kurzen Hosen – deplatziert und unsicher. [O] hat eine nach rechts geneigte Rundung! Die überproportionierten [en] und [re] stechen heraus: nicht nur durch die Strichstärke. Beide haben oben eine kurze gekrümmte Fortsetzung des Schaftes, abgeschlossen mit einer Serife.
[u] und [ha] behalten konsequent die asymmetrischen Serifen bei. Auch bei [ce], [sch] und [schtsch] fehlen jede Logik entbehrend die unteren Serifen.
Wie entstand diese merkwürdige Schrift?
Die erste russische Antiqua ist dreihundert Jahre alt. 1701, mitten im Krieg gegen Schweden, übergab Peter der Erste seine eigenen Buchstaben-Entwürfe an den technischen Zeichner Dipl. Ing. Kulenbach zur weiteren Ausarbeitung. Der aus Deutschalnd stammige Militär-Ingenieur (vielleicht ursprünglich Kühlenbach) fertigte mehrere Buchstabenvarianten, die der Zar eigenhändig korrigierte. Der zarische Auftrag, die gezeichneten Letter für den Druck zu schnitzen, ging nach Amsterdam. Und das ist nicht verwunderlich: In Amsterdam besaßen schon seit langem einige Druckereien Lizenzen für den Druck kyrillischer Bücher und sogar für den Vertrieb in Russland.
1708 erscheint das oben erwähnte Lehrbuch der Geometrie. Aber die Arbeit an der Schrift ging weiter. Es gab weitere Korrekturrunden. Der Zar schimpfte, Kulenbach zeichnete, Amsterdamer schnitten – gedruckt wurde in Moskau.
Das persönlich von Peter dem Ersten korrigierte Blatt , 1703
Das Besondere bei den Korrekturrunden war: Wenn zuerst die Versalien nach Vorbild der Gemeinen entworfen worden waren – was offensichtlich misslang –, ging man in der zweiten Runde andersrum vor. Man korrigierte Versalien und schnitt nach ihrem Vorbild Gemeinen. Das beruhigte und vereinheitliche das gesamte Schriftbild. Und das könnte als Ursache gesehen werden, warum die kyrillische Schrift den Kapitälchen-Schnitten ähnelt.
Warum schnitten holländische Typografen
solche komische Formen?
Bei einigen Buchstaben hätten die Holländer bequem auf ihnen bekannte lateinische Formen zurückgreifen können! Nein, statt dessen schnitten sie diese grotesken, eigenartig verstellten Buchstaben. Eine Erklärung könnte sein, dass sie wegen der Fremdartigkeit des Kyrillisch einfach überfordert waren. Oder ihre Kreativität war bei so einem anstrengenden Kunden gelähmt. Der gesalbte Auftraggeber diktierte pedantisch vor, wie jeder einzelne Buchstabe auszusehen hatte – die Holländer führten alle Korrekturen mechanisch aus.
Bestimmt hatte auch Ingenieur Kulenbach keinen Mut, den Zar höchst persönlich zu verbessern. Er setze seine Entwürfe eins zu eins um: Der eigene Kopf ist doch wichtiger als typografischer Anspruch! Der Zar selbst war der Meinung, dass er ALLES (genauso wie Zähneziehen, Frisieren, Zimmern) selbst am besten machen kann. Und so arbeitete er an seine Schrift – naiv-dilettantisch.
Warum wollte Peter der Erste eine neue Schrift?
Bis dato wurden die Bücher in gotischen Schriften geschrieben und gedruckt. Und das sehr langsam. Es fehlte im Land an naturwissenschaftlichen, militärisch-technischen und anderen Lehrbüchern. Ohne neue Schrift hätten andere Reformen nicht so schnell voranschreiten können.
Warum wurde der Auftrag nach Holland vergeben?
Es gab doch direkt am russischen Hofe eine eigene seit 1548 funktionierende Druckerei. Die russischen Fachleute hätten doch wie kein Anderer das Fachwissen und das Gespür für die Besonderheiten russischer Schriften gehabt!
Aber wenn man die Schriftentwürfe der Moskauer Schriftsetzer anschaut (oben), wird dann alles klar. Die Moskauer Setzerei arbeitete parallel zu den Amsterdamern Schriftschneidern. Die Buchstaben- und Druckqualität ließ zu Wünschen übrig. Der Auftrag wurde ihnen entzogen.
Warum nannte der absolutistische Herrscher
seine erste Schrift so »un-absolutistisch«?
Zuerst wurde die neue Schrift Amsterdamer genannt. Später bekam sie den Namen Bürgerliche. Unter bürgerlich verstand man im 18. Jahrhundert nicht das aufgeklärte Bürgertum und Gleichberechtigung, sondern verwendete den Begriff für alles, was mit Wissenschaft und Bildung zu tun hatte. Eine Schrift für Lehrbücher eben.
FAZIT: In Russland gibt es eine Redewendung: Peter schlug mit einer Axt ein Fenster nach Europa. So auch – mit einer Axt – schnitt er die erste russische Antiqua-Schrift. Ungeduldig und selbstsicher. Ach, was für eine Schrift hätten wir bekommen können, wenn Fachleute am Werke gewesen wären! Hätten doch die Italiener, die in Moskau seit dem 15. Jahrhundert Kirchen errichteten, die römische Capitalis Monumentalis mitgebracht!
Die ungelenkige Petrinische Schrift wurde nicht vergessen: 1997 erlebte sie eine Wiedergeburt durch Alexej Tschekulaev (Double Alex Font Studio). In seiner Schrift Petrovsky zitiert er sogar das merkwürdige [er], das selbst Peter bei seiner zweiten Korrekturrunde entfernte. ::
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