Geschichte und ihre Auswirkungen
Das Schriftbild des modernen Russischen lässt sich durch seine Entstehungsgeschichte und seine weitere Entwicklung verstehen.
Die erste kyrillische Schrift
Kyrillisch entstand als Alphabet für slawische Sprachen. Ende des 9. Jahrhunderts kamen zwei griechische Mönche – Brüder Kyrill und Method – nach Bulgarien zum Missionieren. Als Geschenk überreichten sie den frisch konvertierten Slawen die eigenhändig entworfenen Schriftentwürfe, die zur Grundlage für Altslawisch wurden.
Evangelium auf Altkyrillisch, 11. Jhd.
Betrachtet man die Schriftentwicklung im restlichen Europa, stellt man fest, dass das die »Hochzeit« des mittelalterlichen Schriftzeichens war, der Gotischen Minuskel, der späteren Textur. In ganz Europa schrieb man ab dem 11. Jahrhundert gedrängter – mit deutlichen Brechungen in den Bögen der Buchstaben.
Geschriebene Textur aus Europa, 15. Jhd.
FAZIT: Kyrill entwarf eine Schrift nach dem Geschmack seiner Zeit. Russische Schriftformen hatten ihren Ursprung in der Gotik. Sie waren geprägt durch frühgotische Buchhandschrift. Die Slawen stiegen also zu den Schriftnationen erst in der Gotik ein, nach einigen Theorien sogar erst im 10. Jahrhundert. Die Renaissance der Antike mit der Römischen Capitalis und den Karolingischen Minuskeln – wie in Westeuropa – war damit verschlossen.
Der erste Druck
Mitte des 16. Jahrhunderts befahl Ivan der Schreckliche, die erste russische Druckwerkstatt im Moskauer Kreml zu errichten.
Apostel, Drucker: Ivan Fjedorov, 16. Jhd.
Die ersten Bücher fanden keine dankbare Leserschaft. Ivan Fjodorow – der russische Gutenberg mit einhundert Jahren Verspätung – wurde der Ketzerei bezichtigt und musste um sein Leben fürchtend in das benachbarte Fürstentum Polen fliehen.
FAZIT: Also, die »Schwarze Kunst« hatte in Russland mit freiem Unternehmertum – wie einst in Mainz – nichts zu tun.
Die erste Reform
Anfang des 18. Jahrhunderts traute sich Peter der Erste an die russische Schrift heran. Er verfolgte mehrere Ziele. Zum einen wollte er die russische Schrift der lateinischen annähern. Zum anderen die Gesellschaft stärker von der Kirche lösen und eine zivile Kultur etablieren.
Korrekturblatt vom Peter dem Ersten persönlich, 1703
Bei allem war Zar Peter der Meinung, er könne alles am besten selbst. Und so malte er zwischen Schiffbau und Zähneziehen an Buchstabenentwürfen mit eigener Hand herum. Nach seinen Entwürfen zeichnete Dipl.-Ing. (Vorname unbekannt) Kulenbach, ein technischer Zeichner bei der russischen Armee. Die Bleiletter ließ man jedoch in Amsterdam anfertigen. Außerdem kaufte man dort gleich Druckpressen mit ein und ließ holländische Drucker kommen. Seinen Landsmännern traute Peter offenbar nicht allzu viel zu.
FAZIT: Es entstand die Bürgerliche Schrift, obwohl der despotische Regierungsstil des Zaren mit Bürgerrechten nichts am Hut hatte. Die Schrift hat viele Formübernahmen aus dem Lateinischen erfahren. Viele russische Formen wurden durch holländischen Einfluss und die Unmündigkeit fachkundiger Untertanen des Zaren falsch interpretiert. In der letzten Korrekturschleife – ermüdet durch eintöniges Herumwerkeln – griff der Zar bei Minuskel-Entwürfen einfach auf feststehende Majuskel-Formen zurück. Zack, fertig ...
Die letzte Reform
In den letzten drei Jahrhunderten musste die russische Schrift eine Reihe von Reformen über sich ergehen lassen. Man reduzierte hauptsächlich die Buchstabenanzahl von den ursprünglichen 43 auf die heutigen 33. Die letzte Schriftrevolution fand nach 1917 statt. Es wurden weitere vermeintlich »überflüssige« Buchstaben getilgt.
Dekret über die sozialistische Schriftreform, 1917.
Diese Schriftreform setzte sich recht schnell und erfolgreich durch, weil die Bolschewiki die Monopolmacht auf alle Druckerzeugnisse hatten und keine großen Diskussionen zuließen. ::
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