Buchstabenanatomie
Alle Buchstaben haben ihre eigene Anatomie und Gesetzmäßigkeiten, die einem bewußt werden müssen, bevor man sich an die Schriftentwürfe wagt. Einige Buchstaben schauen wir uns dahin genauer an:
[ge] ist nicht ein gleich gespiegeltes »L«. Die unteren Serifen von »E«, »L«, »Z« werden massiver geschnitten als die oberen von »E«, »F«, »Z«. Denn oben muss leichter sein als unten. Man kann auch nicht einfach »F« nehmen, sonst kann [ge] kippen. Also, die Länge vom horizontalen Strich überprüfen.
Es sieht aus, als könnte man für die linke Hälfte von [zh] ein »K« spiegeln. Aber: die mittlere Verbindung der Schenkel ist niedriger beim großen »K«. Außerdem führen die fünf Striche in der Mitte zu einer erheblichen Schwärzung. Dem muss man entgegen wirken und die Linienstärke leicht verjüngen. Hinzu macht man [zh] schmaler, damit es keine unermessliche Breite bekommt.
Einige russische Schriften bieten eine andere Variante von »K« und [zh] mit einem eleganten, hauchdünnen Arm – abgeschlossen mit einem Tropfen – und einem schwungvollen Fuß.
[se] oder das scharfe [s]. Für diesen Ton gibt es im Deutschen keinen eigenen Buchstaben. Man trifft den Laut in den Wörtern wie Rose. Es sieht wie eine »Drei« aus. Aber nur WIE. Der Buchstabe [se] wird etwas breiter als die »Drei« geschnitten. Der untere Bogen öffnet sich nie nach unten, sondern schließt tendenziell den imaginären Kreis. Häufig mit einer Tropfform.
[i] sieht fast wie ein gespiegeltes »N« aus. Die vertikalen Striche sind aber im Vergleich zu »N« die Tragenden. Sie sind breiter als der schräg geführte Strich (Schenkel). Der Grund dafür ist die mittelalterliche Schreibfederhaltung unter einem 0° Grad Winkel.
[el] ist auch keine Kopie eines auf den Kopf gestellten V. [el] hat ein Stand- und ein Spielbein. Das Spielbein macht am Schluss einen koketten Bogen und bekommt manchmal einen spielerischen Tropfen am Ende, sogar wenn das Bein sonst gerade ist. Außerdem hat das »V« zwei Serifen, und [el] nur am rechten Bein.
Das kleine [em] sieht wie ein Kapitälchen aus. Man darf kein kleines lateinisches »M« nehmen, auch kein »W« umdrehen. Zum Einen, das russische [em] hat auf dem Scheitel zwei seitliche Serifen ("Fähnchen"). Zum Anderen, der Winkel der Schenkel ist geringer. [em] nimmt unten nicht so viel Platz, um den Rhythmus der Zeilen nicht zu gefährden. Die beiden inneren Schenkel berühren den Boden nicht.
Für das [u] darf man weder einen unteren rechten Schenkel von »X« kürzen, noch ein »Y« verwenden. [u] hat unten keine Serifen, sondern einen Bogen mit Schlusstropfen. Oder ohne. Je nach Geschmack. Zu beachten, die Verbindung zweier Schenkel liegt tiefer.
[tsch] dem dem »H« – sieht aus wie ein Bein-Amputierter. Er kann ohne Krücken nicht stehen. [tsch] kommt von der Schale (rus. tschascha). Sie besitzt eine leichte Kurve nach unten, um einen Inhalt in sich aufnehmen zu können, ohne es zu verschütten. Außerdem wird [tsch] etwas schmaler geschnitten, um auf einem Fuß zu balancieren.
Unten und Oben ist nicht das Gleiche. Die mittlere Verbindung der Rundung zum Schaft biegt sich leicht nach unten. Es gibt auch Unterschiede in der Linienstärke der Rundung – bedingt durch die Spur der Feder und die Neigungsachse. Die Mühe des Selbermachens lohnt sich, denn das Weichzeichen ist die Grundlage für die weiteren zwei Buchstaben, das Hartzeichen und das [y].
Hart-[e] lässt sich nicht aus einem gespiegelten »C« ableiten. Sie haben unterschiedliche Lebenseinstellungen. Hart-[e] tendiert zur Harmonie und Symmetrie in Bezug auf die horizontale Achse. Das »C« hat seine Polsterchen links unten (20-30° Schreibwinkel). Wenn man das »C« spiegeln würde, bekommt man einen vom Schwindel gezeichneten Buchstabe, der nie allein stehen könnte. Der mittlere horizontale Strich ist etwas länger als der mittlere Strich vom »E«. Schließlich braucht man einen längeren Stock zur Balance auf einem Seil. Es gibt eine verspielte Variante einer Welle oder einer Zunge.
Den Buchstaben [ju] kann man nicht einfach aus »O« und »H« basteln. Die volle Rundung des [ju] muss schmaler sein. Der Querbalken soll auch bedeutend kürzer sein, um die Harmonie der Zeilen nicht zu gefährden.
Bei den Zeilen gibt es einen ständigen Luftzug von links nach rechts, verbildlichte ein bekannter russischer Typograf die Problematik. Die Buchstaben stehen leicht nach vorne gelenkt, gegen den Wind. Man sieht das nicht, aber man spürt die Windrichtung. Wenn »R« bei dem Luftzug bequem steht, läuft [ja] mit Rücken nach vorne. »R« nutzt den Fuß wie eine Gehhilfe. Für [ja] ist der Fuß wie ein Känguruschwanz.
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